Wenn dein Hirn dir im Weg steht ...
Wir denken oft, wir müssten nur "wollen" und schon wachsen wir. Aber die Realität ist komplizierter: Dein Gehirn ist kein Fan von Glück oder Wachstum. Es ist ein Fan von Sicherheit. Und Sicherheit bedeutet für dein System: Das, was ich schon kenne.
Die Macht der neuronalen Autobahnen
Es ist kein Zufall, dass wir in alten Mustern feststecken – egal ob im Job oder im Privaten. Es liegt daran, dass unser Gehirn „bekannt“ mit „sicher“ verwechselt.
Alles, was du oft denkst oder tust, gräbt tiefe Pfade in dein Gehirn. Das nennt man Neuroplastizität. Das Problem: Wenn du plötzlich „groß“ denkst oder mehr Verantwortung übernimmst, verlässt du diese vertraute Autobahn. Dein Nervensystem schlägt Alarm – es interpretiert das Neue als Gefahr.
Zweifel, Erschöpfung oder plötzliche Aufschieberitis kurz vor einem Erfolg? Das ist ein Zeichen dafür, dass dein System versucht, dich im Bekannten zu halten.
Einen Wendepunkt schaffen
Wir versuchen oft, uns mit positiven Gedanken zu pushen. Aber Motivation ändert tiefsitzende Muster nicht so leicht. Veränderung bedeutet, das Nervensystem schrittweise daran zu gewöhnen, Neues auszuhalten.
Das Leben ändert sich nicht, sobald du eine Entscheidung triffst. Das ist nur der erste Schritt. Dein Leben ändert sich in dem Moment, in dem dein System aufhört, reflexartig in das Alte zurückzufallen. Erst dann kommst du wirklich im Neuen an.
Fang an, dein Gehirn neu zu trainieren. Bring ihm bei, dass das „Neue“ nicht gefährlich ist, indem du ihm kleine, gefahrlose Beweise lieferst.
Das Nervensystem langsam an Veränderung gewöhnen
- Starte mit „dosierter Unsicherheit“: Wenn du dein Gehirn schockst, schaltet es auf Abwehr. Das Ziel ist es, die Schwelle zum Stress gerade so zu überschreiten, dass du es merkst, aber nicht in die Panik (oder die Lähmung) verfällst. Wenn du z.B. ungern vor größeren Gruppen sprichst, fange bewusst mit einzelnen Wortbeiträgen an. Dein Gehirn erkennt „Ich habe die 3 Minuten überlebt, die Welt ist nicht untergegangen.“ Nach und nach erhöhst du deine Aktivität.
- Beruhigung vor der Aktion: Wenn du merkst, dass du kurz vor einem Durchbruch „dichtmachst“ (Prokrastination, Zweifel), dann ist dein Sympathikus (der Stress-Modus) aktiv. Du kannst ihn nicht mit Willenskraft ausschalten, nur mit körperlichen Signalen.
- Atme zweimal schnell durch die Nase ein (einmal tief, dann einen kleinen Zusatz-Atemzug, um die Lungenbläschen zu füllen) und atme dann ganz langsam durch den Mund aus. Das signalisiert dem Gehirn sofort: „Ich bin sicher.“
- Wenn die Angst kommt, sage dir laut: „Das ist keine Gefahr, das ist nur Aufregung, die mein System noch nicht kennt.“ Du benennst die körperliche Empfindung um.
- Eine Identitäts-Brücke bauen: Dein Gehirn fürchtet sich, weil das „Neue“ nicht zu deinem bisherigen Selbstbild passt. Du kannst diese Lücke verkleinern.
- Anstatt zu fragen „Wie schaffe ich das?“, frage dich: „Wie würde die Person, die ich werden will, diese kleine Aufgabe heute angehen?“ (z.B. „Wie würde eine gelassene Führungskraft jetzt auf diese E-Mail antworten?“)
- Statt nur das große Ergebnis zu visualisieren (was das Gehirn überfordern kann), visualisiere den Moment, in dem du eine Hürde gelassen nimmst. Dein Gehirn kann den Unterschied zwischen realer Erfahrung und intensiver Vorstellung schwer unterscheiden.
- Reframing: Von „Gefahr“ zu „Datenpunkt“: Dein Gehirn wertet Unvorhersehbarkeit als Fehler. Ändere das Narrativ:
- Wenn etwas schiefgeht oder sich unangenehm anfühlt, frage dich: „Interessant, warum reagiert mein System gerade so?“ Das holt dich aus der Identifikation mit der Angst heraus und macht dich zum Beobachter.
- Wenn du Angst vor einem großen Schritt hast, notiere dir drei Dinge, die definitiv gleich bleiben (z.B. dein Wohnort, deine engsten Freunde, deine Werte). Das beruhigt das Nervensystem, weil es den Anker im Bekannten spürt.
Ein einfacher Wochenplan zum Starten
Montag:
Ändere eine winzige Routine (z.B. anderer Arbeitsplatz, anderer Weg).
Dienstag:
Melde dich für etwas Kleines freiwillig, das dich kurz zögern lässt. (Bist du jemand, der/die selten Komplimente macht? Dann wäre das eine geeignete Übung Neues zu wagen).
Mittwoch:
Atme bewusst, wenn du den ersten Impuls zum „Flüchten“ spürst.
Donnerstag:
Formuliere eine Angst, die dich bremst, in einen „Datenpunkt“ um.
Freitag:
Feiere das „Aushalten“ einer kleinen Unbequemlichkeit bewusst.
Die wichtigste Erkenntnis für dein Training
Es geht nicht darum, die Angst loszuwerden. Es geht darum, dass du lernst, trotz der Angst handlungsfähig zu bleiben. Dein Gehirn lernt durch Wiederholung: „Oh, wir haben das Neue probiert und es ist nichts passiert – also ist es ab heute ein Stück sicherer.“
Das reicht noch nicht?
Die kleinen Schritte bringen noch nicht die erhoffte Wirkung? Es gibt viele weitere Methoden, die man einsetzen kann. Von “Klopfen” bis zur Arbeit an hinderlichen Glaubenssätzen. In einem Coaching findest du sicherlich einen Weg für dich.
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