Wissen fördern als Führungsaufgabe
Wer beim Anblick der gusseisernen Wendeltreppen und der deckenhohen Buchrücken in der Bibliothek von Maria Laach nicht sofort an Hogwarts denkt, hat wohl nie von Zauberern geträumt… Doch hinter der „magischen“ Kulisse steckt eine hoher Wert: Über Jahrhunderte hinweg wurde hier Wissen nicht nur gesammelt, sondern als kostbarstes Gut gehütet, gepflegt und kuratiert.
Warum uns das dazu angestoßen hat, heute diesen Artikel zu schreiben?
Klar, zum einen möchten wir euch sagen: Ein Besuch lohnt sich. Aber vor allem möchten wir ein paar Gedanken teilen. Denn immer häufiger begegnen uns in den unterschiedlichen Unternehmen Meinungen, die in den Raum gepfeffert werden. Nicht Wissen.
1. Die Alchemie des Wissens: Wie es entsteht
Wissen ist kein statischer Zustand, sondern das Ergebnis eines Transformationsprozesses. In der Theorie wird dies oft durch die Wissenspyramide (DIKW-Modell) verdeutlicht:
- Daten: Reine Fakten oder Zeichen (z.B. die Zahl 39).
- Information: Daten mit Kontext (z.B. „39 Grad Körpertemperatur“).
- Wissen: Die Verknüpfung von Informationen mit Erfahrung und Anwendung (z.B. „39 Grad bedeutet Fieber, ich brauche Ruhe“).
Echtes Wissen entsteht also durch Reflexion und Prüfung. Es ist Information, die den Praxistest bestanden hat. In der Wissenschaft nennen wir das Falsifizierbarkeit: Eine Theorie gilt so lange als Wissen, bis sie durch Fakten widerlegt wird.
2. Meinung vs. Wissen: Wo verläuft die Grenze?
Schon Platon definierte Wissen als „begründete, wahre Überzeugung“. Die Trennung lässt sich an drei Kriterien festmachen:
- Wissen wird durch Daten, Logik und Beweise belegt
- Wissen ist objektiv/intersubjektiv prüfbar
- Wissen ändert sich, wenn neue Fakten vorliegen
Das Problem heute: Viele Menschen verwechseln das Recht auf eine eigene Meinung mit einem Recht auf eigene Fakten. Eine Meinung ist ein Werturteil („Ich finde, wir haben schon genug Menschen hier; das Boot ist voll.“). Aufbauend auf den Fakten („Deutschland benötigt laut Experten jährlich ca. 400.000 Zuwanderer, um das Rentenniveau stabil zu halten.“) ist Wissen die Einordnung dieser Fakten bestehend auf Erfahrungen („Ohne Zuwanderung bricht das Rentensystem aufgrund der Demografie zusammen. Wissen bedeutet hier, den Zusammenhang zwischen Fachkräftemangel, BIP und Sozialsystemen zu verstehen.“). Und bei zunehmender Komplexität ist die Frage, ob man jetzt alle Fakten auf dem Tisch hat und die Zusammenhänge durchdrungen, auch immer schwerer zu treffen.
3. Echtes Wissen in Betrieben fördern
Im betrieblichen Alltag ist Wissen etwas, was man gezielt fördern muss. Wissen zu teilen anstatt Wissen als Machtinstrument zu benutzen – auch das ist ein wichtiger Punkt, der auf die Agenda gehört.
- Erkenntnisse teilen: Ein*e Mitarbeitende*r war auf Fortbildung? Die nächste Teamsitzung bietet sich an, um die Kernpunkte und Erkenntnisse zu präsentieren und das Team-Wissen wachsen zu lassen. In einem Newsletter stand ein interessanter Artikel? Fass ihn kurz zusammen und gib weiter, warum du ihn so anregend fandst.
- Fehlerkultur statt Experten-Dünkel: Wissen wächst dort, wo man zugeben darf, etwas nicht zu wissen. Oder wo man aus Fehlern lernt. Doch dies braucht einen Rahmen, bei dem man Fehler ohne Angst ansprechen darf. Also Führungskräfte, die einem hilfreich zur Seite stehen und dir nicht den Kopf abreißen. Und die selbst das Lernen aus Fehlern aktiv vorleben und über Fehler und Lösungswege sprechen.
- Debattenkultur: Etabliere Formate, in denen Hypothesen „gechallenged“ werden dürfen. Strategien zu hinterfragen und Argumente zu überprüfen, hilft Vermutungen zu identifizieren und Wissen zu überprüfen. Aber achte auf wertschätzende Diskussionen, bei denen das gemeinsame Ziel klar ist.
- Kuratierung: In der Flut an Infos braucht es „Wissens-Lotsen“. Nicht alles, was im Intranet steht, ist relevant. Qualität vor Quantität.
4. Resilienz gegen Desinformation
Wenn Mitarbeitende populistische Behauptungen (oft aus dem rechten Spektrum) in den Arbeitsalltag tragen, hilft weder Ignoranz noch reine Belehrung. Populismus arbeitet mit Komplexitätsreduktion und Emotionen.
Strategien gegen Desinformation im Team:
- Medienkompetenz schulen (Information Literacy): Helfen Sie dem Team, Quellen zu prüfen. Wer steckt hinter einer Website? Ist die Quelle seriös oder ein „Meinungs-Blog“?
- Die Sokratische Methode: Statt zu sagen „Das ist falsch“, stellen Sie Fragen.
- „Woher hast du diese Information?“
- „Wie würde dieses Szenario in der Praxis bei uns aussehen?“
- Oft bricht das Kartenhaus der Behauptung zusammen, wenn man nach der Tiefe fragt.
- Werte-Kompass vs. Sach-Ebene: Wenn Behauptungen diskriminierend werden, ist es keine Frage des „Wissens“ mehr, sondern der Unternehmenskultur. Hier muss die Führung klar Position beziehen: „Wir diskutieren über Fakten, aber wir verletzen keine Grundwerte.“
Debunking & Prebunking: „Debunking“ ist das nachträgliche Aufklären von Lügen. „Prebunking“ ist effektiver: Erklären Sie proaktiv, wie Manipulationsmechanismen (z.B. Strohmann-Argumente oder falsche Dilemmata) funktionieren, bevor die Mitarbeitenden darauf hereinfallen.
Fazit: Wissen ist in der heutigen Zeit auch eine Form von Widerstandsfähigkeit. Wer gelernt hat, Informationen kritisch zu hinterfragen, ist weniger anfällig für die lauten, aber nicht immer wahren Parolen der Gegenwart.